Legst Du auch Dein Baby unter einen Spielbogen? – Das sind die Folgen

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Die Fotos von niedlichen zufriedenen Babys unter Spielbögen oder Activity Centers sind sehr überzeugend: Babys, die sich noch nicht auf den Bauch drehen können, liegen unter kleinen niedlichen Spielfiguren, manchmal gleichzeitig auf bunten Krabbeldecken und versuchen die Gegenstände zu ergreifen. Da Begreifen vom Greifen kommt, legt die Spielzeugindustrie den Eltern nahe, Spielgegenstände so zu positionieren, dass das Begreifen auf keinen Fall durch eingeschränkte Bewegungsfähigkeiten verzögert wird. Womöglich wird die Intelligenzentwicklung leiden, wenn die Kinder nichts in der Hand haben.

In diesem Beitrag möchte ich aufzeigen, warum Spielbögen die Spiel- und Bewegungsentwicklung dramatisch stören können und insbesondere eine gesunde Beziehung zur Hand verhindern.

1. Hände als erster ‚Spielgegenstand‘: Wie entwickeln sich Babys, die ohne ablenkende Spielbögen oder Mobiles aufwachsen?

Die Hand ist ein äußerst feingliedriges Organ und kann dadurch extrem präzise gebraucht werden. Denken wir doch an die präzisen Bewegungen eines Chirurgen oder Geigers. Ein Baby braucht 9 bis 17 Monate, um zu lernen, mit mehreren Gegenständen zu hantieren. Erst ab dem VIERTEN Monat (!) fangen Babys an, nach Gegenständen zu greifen - und zwar die Babys, die ausreichend Zeit hatten ihre Hand zu entdecken. Es sind Babys, die in aller Ruhe in Rückenlage immer koordinierter die Hände und Arme bewegen durften.

Was machen sie dann in den ersten drei Monaten? Wie entwickelt sich ihr Spiel?
Ab dem zweiten Monat fangen 3-25% der Babys an, die eigene Hand zu betrachten. Nach und nach können sie die Hände zusammenführen, nach und nach entdeckten sie, dass die Hände zu ihnen gehören.
In den Wachphasen in der Rückenlage liegend entdeckten sie zusätzlich ihre Umgebung. Es wird angenommen, dass sich Babys besonders für Kanten und Konturen interessieren.
Im Loczy (Budapest) untersuchte die Psychologin Éva Kálló mithilfe von Filmaufnahmen, was Babys eigentlich tun, wenn sie in ihrer Entwicklung nicht gestört werden. Sie veröffentlichte ihre Ergebnisse kurz vor ihrem  Tod 2016 als Filme (Spiel, Tätigkeit, Denken Teil 1 & 2).

Auf der Grundlage dieser Jahrzehnte langer Forschung wissen wir nun sehr genau, wie sich das Spiel von Säuglingen und Kleinkindern entwickelt. In diesem Beitrag geht es mir nur um nur um die ersten vier Monate.

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2. Was passiert, wenn Säuglinge unter einem Spielbogen liegen?

Am Anfang bewegen sich die Arme des Säuglings unkoordiniert. Dabei kommen sie ungewollt an die hängenden Gegenstände. Je nach Art des Spielbogens schaukeln die Gegenstände mehr oder weniger und ziehen das Baby in seinen Bann. Filmaufnahmen zeigen eine große Anspannung, die durch die Überstimulierung entsteht. Viele Babys fangen irgendwann zu weinen an. Sie können sich in der Regel von den vielen Bewegungen der schaukelnden Gegenstände nicht lösen.
Gleichzeitig werden sie von der so wichtigen Entdeckung der Hand abgelenkt. Ihnen bleibt nichts Anderes übrig, als irgendwie mit der Überstimulierung zurechtzukommen.
Das Ergebnis: Bereits am Anfang der Spielentwicklung ist eine gesunde Beziehung zu dem feinsten Organ gestört.
Später, wenn die Kinder Gegenstände erreichen wollen, um sie zu ergreifen, zu drehen, von allen Seiten zu betrachten, wird es ihnen unter einem Spielbogen verwehrt. Einige Hersteller haben die Spielgegenstände mit einem Klettverschluss befestigt, um sie vom Bogen zu lösen. Eltern können so die Gegenstände den Kindern in die Hand drücken. Mal abgesehen davon, dass dies die Entdeckung der Hand ebenso verhindert oder stört, ist die Sinnhaftigkeit eines Spielbogens damit fällig.

3. Langweilt sich nicht das Baby ohne Spielzeug?

Vielleicht hast das Gefühl, dass sich Dein Baby langweilt, wenn es einfach nur liegt und nichts 'zum Spielen hat'. Zumindest scheint das der Hauptgrund für den Erwerb von Spielbögen, Kinderwagenketten oder Mobiles zu sein. Vielleicht hast du das Gefühl, dass sich dein Baby erst dann entwickelt, erst dann ins Spiel kommt, wenn es mit Gegenständen hantiert.
Säuglinge haben am Anfang unfassbar viel zu tun. Die Verdauung, die Verarbeitung der Geburt, der Schlaf, die Gerüche, die Umgebung, die sie umgebenden Menschen, der eigene Körper. Alles, was sie brauchen ist Nähe und Geborgenheit, ausreichend Zeit in der Rückenlage und viel Ruhe. Der menschliche Körper hat eine ungeheure Intelligenz, sich selbst zu organisieren. Vertrauen wir darauf, dass auch Dein Baby keine Stimulierung von außen braucht, um sich gesund zu entwickeln.

4. Folgen für die Bewegungsentwicklung

Babys, die unter einem Spielbogen liegen, Babys denen Erwachsene Gegenstände in die Hand drücken oder Gegenstände vor ihren Augen bewegen, werden nicht nur von der Entdeckung ihrer Hände abgelenkt. Sie werden davon abgelenkt, sich umzuschauen, nach rechts und links zu schauen, um dann Interesse an Dingen zu entwickeln, die in ihrer Reichweite liegen – erst, wenn sie dazu bereit sind. Viele Eltern üben mit ihren Kinder die Bauchlage, anstatt ihnen die Möglichkeit zu geben, sich erst auf die Seite zu drehen, um irgendwann das Risiko einzugehen, auf dem Bauch zu landen.
Warum soll sich ein Baby auf die Seite drehen, wenn alles über ihm hängt oder ihm ständig Dinge in die Hand gedrückt werden?

5. Fazit

Die Spielzeugindustrie hat eine eigene Vorstellung von Spiel- und Bewegungsentwicklung. In unserem Kulturkreis hat dieser so umsatzkräftige Industriezweig die Definitionsmacht. Es wäre interessant nachzuzählen, wie viele Spielgegenstände ein halbes Jahr nach der Geburt sich in einem Haushalt angesammelt haben.
Die Forschung aus dem Loczy wird größtenteils tapfer ignoriert. Dabei zeigen die Filmaufnahmen ganz klar mit welch hoher Qualität Kinder, die frei spielen und sich frei bewegen dürfen spielen und sich bewegen.
Es wird Zeit, die weit verbreiteten Umgangsweisen mit Säuglingen und alte Denkmuster zu hinterfragen.
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Die Idee Babys in einer reizarmen Umgebung hinzulegen stößt bei einigen auf ein Entsetzen. Warum? Weil überlieferte Erinnerungen an Zeiten, in denen Babys lieblos abgelegt, verlassen, schreien gelassen wurden wach werden. Was Babys, die sich emotional sicher fühlen, genug sättigende und liebevolle Zuwendung erhalten haben, eigentlich tun, wenn die Umgebung reizarm ist und ihnen keine Gegenstände in die Hand gedrückt werden, erläutere ich in diesem Video.

Ein Gedanke zu „Legst Du auch dein Baby unter einen Spielbogen? – Das sind die Folgen“

  1. Wow, erstmals danke für diesen hilfreichen Artikel. Viele Dinge wusste ich noch nicht. Da überlegt man zweimal, ob man sein Baby unter einem Spielbogen liegen lässt. Die Frage die ich mir stelle ist, ob es schon negative Auswirkungen hat, wenn man das Baby 2-3x in der Woche zu je ca. 20 Minuten unter einem Spielbogen spielen lässt ?

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Über die Autorin
Evelyn Podubrin ist Erziehungswissenschaftlerin und Pikler-Pädagogin (i. A.). Sie war Mitarbeiterin im Forschungsprojekt LUGS sowie Dozentin in der Lehrerbildung an der Universität Hannover und Universität Potsdam. Heute betreibt sie die Homepage freie-bewegungsentwicklung, in der es um die Begleitung der natürlichen, freudvollen und selbständigen Bewegungsentwicklung geht.