Bewegungsentwicklung

Führst du auch Dein Baby an den Händen, um das Laufen zu üben? – Das sind die Folgen

Hast du auch gesehen, wie andere Eltern ihre Kinder an den Händen führen, um mit ihnen das Laufen zu üben?

Hast du vielleicht gesehen, dass auch manche Erzieher so die Babys ‘fördern’?

Hast du erlebt, dass dein Baby danach verlangt und sich freut, wenn du mit ihm in der aufrechten Position Platzwechsel vollziehst?

Ich höre immer wieder von Eltern, dass ihre Babys danach verlangen an den Händen geführt zu werden. Manche Babys werden grantig, wütend oder weinen, wenn die Eltern es ihnen verwehren.

Schauen wir uns gemeinsam an, welche Folgen es hat, wenn Babys auf diese Art laufen lernen und warum sie danach verlangen.

Folgen für die Bewegungsqualität

Führst du dein Baby an den Händen, bringst du die natürliche Schrittreihenfolge der Bewegungsentwicklung durcheinander. Meistens wird die Phase des Sich-Festhaltend-Entlanglaufens übersprungen. In dieser Phase lernen die Kinder sich festhaltend zum Stehen zu kommen und auch den Weg wieder zurück zum Sitzen. Stellen wir sie vorzeitig auf und führen sie durch den Raum an den Händen, nehmen wir ihnen die Möglichkeit, zum richtigen Zeitpunkt – nämlich dann, wenn der Körper dafür reif ist – eine optimale Art und Weise des Laufens zu erarbeiten.

Da in unserem Kulturkreis die allermeisten Menschen das Laufen an den Händen geführt gelernt haben, sind kleinere bis größere Fehlstellungen der Füße, des Beckens und des Rückens stark verbreitet.

selbst habe bei der Jacoby/Gindler-Stiftung das Laufen neu kalibriert. Diese Aufgabe ist für mich zu einer Lebensaufgabe geworden. Hätten meine Eltern die freie und natürliche Bewegungsentwicklung zugelassen, wären mir viele Verletzungen und Schmerzen erspart geblieben.

Folgen für die Sicherheit

Ist die Bewegungsentwicklung durch unser Eingreifen durcheinandergebracht, sieht es zwar so aus, als ob die Kinder laufen würden. Schauen wir genauer hin, wie sie laufen, erkennen wir, dass sie sich mit einem unsicheren Gefühl bewegen. Das liegt daran, dass sie entweder zu wenig oder zu viel Kraft einsetzen und die Muskeln und Sehen nicht perfekt miteinender spielen. Sie bewegen sich mit dem Gefühl, dass sie sich auf ihren Körper nicht hundertprozentig verlassen können. Das ist einer der Gründe, warum sie häufiger stolpern als Kinder, die frei aufwachsen.

Folgen für die Spielentwicklung

Die Bewegungs- und Spielentwicklung gehen Hand in Hand. Kinder verbringen sehr viel Zeit auf dem Boden sitzend und legen sich noch eine lange Zeit auf dem Rücken, um Gegenstände zu untersuchen.

Werden sie zu früh auf die Beine gestellt, um zu laufen, wissen sie oft nicht, was sie nun mit dieser Bewegungsform anfangen sollen.

Es ist vergleichbar mit Kindern, denen das Fahrradfahren beigebracht wird, ohne, dass sie darin für sich einen Sinn erkennen können, wie z. B. “Mit den Fahrrad bin ich schneller am Spielplatz.” Manche Kinder lassen sich auf den Übungsprozess ein, aber die intrinsische Motivation fehlt gänzlich.

Sind die Kinder dann unterwegs, kann ihre Spielentwicklung, die sich vorallem sitzend oder liegend auf dem Boden abspielt, ins Stocken geraten. Das erkennen wir daran, dass die Kinder nur schlecht ins Spiel kommen und auf unsere Spielimpulse angewiesen sind.

“Wesentlich ist, dass das Kind möglichst viele Dinge selbst entdeckt”, schreibt Emmi Pikler in ihrem Buch für Eltern “Friedliche Babys – zufriedene Mütter“.

Die Ergebnisse der Gehirnforschung und der Erziehungswissenschaft können diese These nur bestätigen: Das selbständige Erarbeiten von – am besten – selbstgewählten Aufgaben hat die größte Wirkung auf einen Menschen. Die Grundschule als die fortschrittlichste Bildungsinstitution nimmt diese Ergebnisse ernst und setzt auf Lernsettings, die selbständiges Lernen ermöglichen.

Für das Erlernen von Bewegungen bedeutet es, dass Kinder, die stets geführt werden, die Fähigkeit, sich Dinge selbst zu erarbeiten ganz oder teilweise verlieren.

Die Folgen werden besonders gut in solchen Lernsettings sichtbar, die von den Kindern Selbständigkeit verlangen: Diese Kinder sind wahrscheinlich mit einer selbst minimalen Freiheit völlig überfordert.

Folgen für das Lebensgefühl

 

Mangelndes Selbstgefühl

Nach Jesper Juul tun Kinder alles dafür, um ihren Eltern zu gefallen – alles: Sie setzen sogar ihre Integrität aufs Spiel. Kinder, die sich geführt entwickeln, verlieren nach und nach ihr Selbstgefühl. Das liegt am Widerspruch zwischen den Körpersignalen und der Rückmeldung der Eltern. Ein zu früh aufgestelltes Baby droht jederzeit zu fallen. Der Körper ist in Alarmbereitschaft. Um den Erwachsenen zu gefallen, deutet das Kind diese Signale als fehlerhaft bzw. als zu vernachlässigen.

Unsicherheit: “Ich könnte fallen”

Wie fühlt sich ein Baby, welches aufgestellt wird, bevor es diesen Bewegungsablauf kann und das Gleichgewicht selbständig halten kann?

Wenn du jemand bist, der keinen Handstand kann oder sehr lange keinen gemacht hat, dann kannst du deinen Partner/deine Partnerin bitten, dich in diese Position versetzen zu lassen.

Vielleicht ergeht es Dir, so wie mir: Du bist von dem Gefühl “Ich könnte jederzeit fallen” komplett überwältigt. Dein Körper ist in Alarmbereitschaft. Du willst diese Position, so schnell wie möglich verlassen.

So ähnlich fühlt sich auch ein zu früh aufgestelltes Baby.

Ich bin abhängig und ausgeliefert

Menschen mit einer bestimmten Form von Flugangst kennen diesen Zustand: Ich bin komplett ausgeliefert. Vielleicht hattest du vor einer OP ein ähnliches Gefühl: Du bist bewusstlos und dem Ärzteteam komplett ausgeliefert. Du hast keinen Handlungsspielraum. Während der OP kannst du nicht mal sagen, dass es dir nicht gut geht. Im Flugzeug kannst du nicht aussteigen.

So ähnlich fühlt sich ein Baby, welches zu früh aufgestellt wurde und um das Laufen zu üben losgelassen wurde: Abhängig und ausgeliefert. Es kann sich nur fallen lassen.

Diese Erfahrungen hinterlassen im Körpergedächtnis eine Spur – und zwar für das ganze Leben!

Warum verlangt mein Baby danach, an den Händen geführt zu führen? – Kooperation und Gewöhnung

Nach sechzig Jahren Forschung im Lóczy wissen wir, dass Babys, die sich frei entwickeln, nach dieser Art der Führung nicht verlangen. Sie verlangen auch nicht danach, aufgesetzt zu werden, bevor sie nicht selbständig zum Sitzen gekommen sind.

Die Quelle für das Verlangen liegt vor allem in der Identifikation der Kinder mit ihren Eltern. Zum einen sehen die Kinder, wie sich ihre Eltern freuen, wenn sie doch endlich die ersten Schritte machen. Die Eltern strahlen und signalisieren ihrem Kind, dass es doch bitte weiter machen soll. Da Kinder alles tun, um ihren Eltern zu gefallen, sie tun alles, um die Bindung nicht in Gefahr zu bringen, lassen sie sich auf diese Praktik ein und kooperieren.

Kinder lernen sehr schnell. Recht schnell finden sie daran Gefallen und gewöhnen sich daran, dass sie Strecken an den Händen geführt bewältigen können. Sie geben die Verantwortung an das Gleichgewicht ab. In ihnen wurde das Verlangen nach dem aufrechten Gang geweckt und nun haben sie sich an diese Art der Fortbewegung gewöhnt.

Da das menschliche Gehirn enorm anpassungsfähig ist, schaffen es auch diese Kinder irgendwann selbständig zu laufen. Zwar mit einer schlechten Qualität, aber sie laufen. Die Folgen der Führung sehen wir bereits in der Kindheit. Die Kinder haben es akzeptiert, dass sie sich auf ihren Körper nicht immer verlassen können, dass also Bewegung immer mit einem Risiko und Anstrengung verbunden ist.

Erst wenn wir im Erwachsenenalter (Fort)Bewegung als leicht und freudvoll erleben, erst wenn wir den enormen Unterschied in der Lebensqualität erlebt haben, sind alle Zweifel an der freien Bewegungsentwicklung beiseite geräumt.

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