Die 5 größten Fehler beim Schwimmenlernen

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Der fünfjährige Moritz ist an der Reihe: Er springt in das Becken und schwimmt. Sein Gesicht ist verzerrt. Er schnappt nach Luft. Doch er ist tapfer und kämpft. Der Schwimmlehrer läuft am Beckenrand mit ihm mit und ruft: "Super, du schaffst das!". Moritz schwimmt zum Rand, doch der Schwimmlehrer schiebt ihn mit der Schlaufe einer langen Stange vom Rand weg. Moritz soll heute ein kleines Stück weiter schwimmen, als letzte Woche. Endlich! Er erreicht erschöpft den Beckenrand, schaut fragend den Lehrer an. "Und nächste Woche kannst du schon die Prüfung machen", sagt dieser und geht zum nächsten Kind.

Weiß du, wie ich mich fühle, wenn ich solche Szenen sehe?
Frustriert.
Warum?
Weil ich sehe, mit welch schlechter Qualität und Anstrengung die allermeisten Kinder und auch Erwachsene schwimmen.
Anstatt mit dem Wasser zu sein, kämpfen sie gegen das Wasser.
Sie halten sich angestrengt über dem Wasser, anstatt zu gleiten, anstatt den Auftrieb zu spüren und zu nutzen.
Ich bin frustriert, weil ich fast drei Jahre lang zuschauen durfte, wie Kinder ohne Anweisungen oder Übungen, mit viel Freude und am Ende einer fantastischen Bewegungsqualität im Wasser schwimmen lernen und tausenden von Kindern und ihren Familien dieser Weg bis heute verschlossen geblieben ist.

Das ist der Grund für diesen Artikel. Ich möchte Dich an der Revolution des Schwimmunterrichts teilhaben lassen.

Doch zunächst schauen wir uns, wie Kinder ganz natürlich schwimmen. Diese Aufnahmen habe ich für den bevorstehenden online Kinder-in-Bewegung-Kongress für Familien gemacht.

In diesem Artikel möchte ich an der etablierten Methode ansetzen:
Welche Fehler machen meiner Ansicht nach so viele Schwimmschulen?
Warum schwimmen so viele Kinder so unsicher und mit einer schlechten Bewegungsqualität?
Warum wollen so viele Kinder nicht mehr ins Wasser?

Hier die Antworten:

1. Länge des Schwimmkurses

Üblicherweise dauert ein Schwimmkurs zehn Stunden. Viele Kinder besuchen vorher einen 'Wassergewöhnungskurs'.
Glaubst du wirklich, dass man in zehn bis zwanzig Stunden ernsthaft schwimmen lernen kann?
Gegenfrage: Kennst du jemanden, der in zehn Stunden laufen gelernt hat?
Ein Baby braucht Monate, um Laufen zu lernen. Dann braucht es noch eine ganze Weile, bis es mit beiden Füßen springen kann.
Auch Erwachsene nach Unfällen brauchen Monate, bis sie wieder ohne sich zu konzentieren, laufen können - und das, obwohl sie diese Bewegungen bereits gelernt haben.

Nun kann jemand einwenden, dass ein Baby bei Null anfängt.
Doch im Wasser fangen wir auch bei Null an.

- Sich im Wasser sicher und selbstverständlich fortzubewegen, ist wie das Laufenlernen auf einem fremden Planeten: Die Schwerkraft wird durch das Wasser kompensiert. Setzen wir uns auf eine Treppe im Wasser, müssen wir selbst das Sitzen neu kalibrieren. Denn der Auftrieb sorgt dafür, dass die Beine nach oben kommen.
- Wollen wir tauchen oder uns 'nur' im Wasser fortbewegen, müssen wir auch die Atmung neu kalibrieren. Wir müssen erst lernen, dass und wie wir unter Wasser ausatmen können, wann, in welcher Menge und womit (Nase oder Mund) wir Luft holen.

Ich könnte hier den komplexen Weg bis zum sicheren und selbstverständichen Schwimmen erläutern. Doch das überlasse ich lieber der Entdeckerin des natürlichen Schwimmens Anja Kerkow. Sie erläutert in dem Interview auf dem Kongress, was es bedeutet, schwimmen zu lernen.

All die Erfahrungen mit dem Auftrieb/der Schwerkraft und der Atmung können nicht in zehn Stunden gemacht werden. Dafür braucht es Jahre!

2. Zielstrebigkeit

Übliche Schwimmkurse haben das Ziel, den Kindern das Schwimmen beizubringen. Das bedeutet vorallem neben dem Tauchen das Vortwärtskommen.

Was ist denn so schlecht an diesem Ziel?
Vorwärtskommen ist ein erwachsener Gedanke. Lassen wir die Kinder im Wasser in Ruhe ihre Erfahrungen machen, verfolgen sie zunächst viele andere Ziele:
- Springen vorwärts und rückwärts,
- gießen,
- Gegenstände die sinken und die nicht sinken treiben und tauchen lassen,
- möglichst tief tauchen usw.

Das Vorwärtskommen ist sicherlich für alle Kinder irgendwann Thema, doch es ist nicht ihr einziges und erstes Ziel.

Lassen wir uns von unseren Kindern überraschen, welchen Weg sie im Wasser gehen!

3. Brustschwimmen

Warum sich das Brustschwimmen so hartnäckig als die erste Fortbewegungsart im Wasser hält, ist aus der Sicht der natürlichen Bewegungsentwicklung absolut unverständlich. Kinder hundeln und aus dem Hundeln wird nach und nach ganz natürlich das Kraulen.
Ich erinnere mich an kleines Mädchen, welches in einer Therme zum Beckenrand schwimmen sollte und ihr Vater rief: "Schwimm richtig!". Während sie hundelte, verlangte ihr Vater, dass sie Brustschwimmen soll.

"Brustschwimmen ist eine der schwierigsten Schwimmtechniken auch beim Schwimmsport", sagt Anja Kerkow in dem Kongress-Interview und doch halten die Schwimmvereine daran fest.
Vergleichen wir es mit der Fortbewegung an Land: Würdest du von einem Baby erst das Springen und dann das Laufen erwarten?

4. Anweisungen und Übungen

Aus der Forschung von Emmi Pikler oder Ágnes Szántó wissen wir nach sechzig Jahren, was es bedeutet, wenn Kinder alle Bewegungsformen an Land in ihrem eigenen Tempo, selbständig - also ohne Anweisungen und Übungen und sonstigen Störungen - sich erarbeitet haben. Ihre Bewegungsqualität ist fantastisch. Sie erleben Bewegung nicht als Anstrengung, sonder Leichtigkeit und Freude. Sie sorgen gut für sich, kennen ihre Grenzen und setzen die Muskelkraft optimal ein.

Dank jahrzehnt langer Arbeit und Forschung von Anja Kerkow wissen wir, dass für das Erlenen von Bewegungen im Wasser die gleichen Prinzipien gelten. Anweisungen und Übungen bringen den Lernprozess an Land und Wasser dramatisch durcheinander. Durch vorschnelle Übungen und Anweisungen werden Kinder von ihrem eigenen Weg im eigenen Tempo abgelenkt.

Ich weiß, dass bereits der Gedanke, dass man Kinder nicht an der Hand führen sollte oder das Fahrrad nicht festhalten sollte, wenn das Kind Laufen oder Fahrradfahren lernt, bei vielen Eltern in unserer Kultur Kopfschütteln auslöst. Ähnliche Reaktionen erwarte ich beim Thema Schwimmen. Doch es gibt immer mehr Eltern, die sich freies Aufwachsen für ihre Kinder wünschen und auf Antworten warten. Das zeigen mir die täglichen E-Mails.
Dieser Artikel soll die ersten Antworten liefern.

5. Schwimmhilfen

Ist ein Kind mit Schwimmhilfen sicher? Ganz klar nein. Auf jeder - zumindest in Deutschland zugelassener - Schwimmhilfe finden wir den Hinweis, dass Schwimmhilfen unsere Aufsicht nicht ersetzen können. Doch viele Eltern wiegen sich mit Schwimmflügeln in Sicherheit.
Was passert jedoch, wenn wir bereits Babys Schwimmhilfen anziehen?
Wir nehmen ihnen die Möglichkeit, z. B. an einer Treppe die ersten Erfahrungen mit dem Auftrieb zu machen. Mit Schwimmhilfen lernen Kinder, dass sie über dem Wasser gehalten werden. Aber, dass das Wasser sie trägt, auch ohne Schwimmhilfen, können sie nicht spüren.
Auf dem Kongress werde ich einen Kurzfilm über Kinder ab neun Monaten zeigen, die ohne Schwimmhilfen, schwimmen lernen. Die Frage ist: Was machen eigentlich Kinder, die noch nicht frei schwimmen ohne Schwimmhilfen in einem Schwmmbad?

6. Beziehung

Und hier noch ein sechster Fehler:
Vor wenigen Monaten telefonierte ist das erste Mal mit Olaf. Olaf ist Papa einer inzwischen fünfjährigen Tochter. Die beiden gehen seit ca. drei Jahren zu den Rochenkindern. "An den Rochenkindern fasziniert mich die Hochzeit aus Beziehung und dem Schwimmen", sagte Olaf am Telefon. Wir verabredeten uns für ein Interview, in dem Olaf über diese Hochzeitsgeschichte erzählt.

Warum werden eigentlich Kinder ohne Eltern im Schwimmbad unterrichtet? Warum lassen sich Eltern diese geschützte Zeit, in der sie die Beziehung zu ihren Kindern vertiefen oder verbessern können, nehmen? Warum überlassen sie ihre Kinder einem fremden Menschen, zu dem sie in aller Regel keine vertrauensvolle, tiefe Beziehung haben in einem Raum, in dem Kinder besonders unsicher sind, u. U. Ängste haben und eine liebevolle, achtsame Begleitung notwendig ist?
Vielleicht hat der eine oder andere Leser ganz klare, vielleicht sehr praktische Antworten.
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Resümee

Meiner bescheidenen Ansicht nach, ist die Zeit für Alternativen reif - und zwar für Eltern, die ihren Kindern die Langsamkeit und Individualität erlauben. Für alle, für die freies Aufwachsen kein Hirngespinst und keine Gefahr für die Anpassung an die gesellschaftlichen Normen und Werte darstellt.
Denn eins steht jetzt schon fest: Nach 120 Jahren Reformpädagogik und reformpädagogischer Forschung, nach den neusten Erkenntnissen der Gehirnforschung und Forschung der Freilernerkinder, können Kinder, die frei aufwachsen dürfen nicht nur gut für sich sorgen, sondern übernehmen deutlich mehr Verantwortung für unsere Gesellschaft. Die Angst, dass da plötzlich ein egoistisches Monster in ihnen erwacht, ist eine Angst, deren Wurzeln weit zurückliegen. Anstatt Angst vor dem Monster, sollten wir lieber das Vertrauen in die naütrlichen Wachstumsbedürfnisse und die ungeheure Intelligenz des Körpers kultivieren - wenn man Vertrauen überhaupt kultivieren kann.
Wenn auch Du Deinem Kind freies Aufwachsen ermöglichen möchtest, sei herzlich zu diesem Event eingeladen!
Lassen wir nun die Entdeckerin des natürlichen Schwimmens Anja Kerkow von den Rochenkindern, den erfolgreichsten deutschen Schwimmsportler Dr. Michael Groß und Olaf, den Papa von Lotte über das Schwimmenlernen sprechen:

Nachwort

Wie beim Thema freie Bewegungsentwicklung an Land, stößt bei einigen Menschen nur die Vorstellung, dass Kinder im Wasser alles selbständig lernen können, auf völliges Unverständnis. Die schon sehr alte Diskussion über Wege des Lernens und Bildung spiegeln sich hier wieder. Unter welchen Bedingungen lernen Kinder am besten? Die inzwischen über 120jährige reformpädagogische Bewegung, die Ergebnisse der Erziehungswissenschaften und der Gehirnforschung, die neusten Studien über Freilerner deuten alle in die gleiche Richtung: Begeisterung, emotionale Sicherheit, Selbständigkeit und Individualität ermöglichende Settings sind Faktoren für leichtes und tiefes Lernen. Jegliche Trainings führen zwar scheinbar zu Erfolgen, sind jedoch sehr mühsam für die Erwachsenen, demotivierend für die Kinder und bringen die Kinder von ihrem eigenen Weg ab. Bereits Jesper Juul spricht hier vom Selbstgefühl als Voraussetzung für Selbstvertrauen. Man kann ganz sicher Menschen mit Trainings zu Leistung bringen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass wir an dem Menschen vorbei unterrichten ist nicht gering.

Ich habe inzwischen aufgehört mit Menschen zu diskutieren, die glauben, dass ein Kind nur durch das Vorzeigen, Anweisungen befolgen etwas lernen kann. Selbst die Schuldidaktik und die Fachdidaktiken sind sich ihrer Illusion bewusst: Wenn ich mit einem Kind das tue, dann kommt hinten das raus. Hinzu kommt, dass viele von diesen Menschen sich auf den Schlips getreten fühlen und mit respektlosen Kommentaren ihre Wahrheit verteidigen wollen.

Wenn du einer von diesen Menschen bist, bei dem die alternative Haltung Entsetzen, Kopfschütteln oder anderes auslöst, dann bitte ich um ein friedliches Nebeneinander. Unsere Gesellschaft ist gespalten genug. Es gibt genug Feindseligkeit. Ich plädiere dafür, dass wir unseren Kindern zeigen, dass Vielfalt keine Bedrohung, sondern ein Geschenk ist.

Du möchtest erfahren, wie auch dein Kind natürlich schwimmen lernen kann?
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Über die Autorin
Evelyn Podubrin ist Erziehungswissenschaftlerin und Pikler-Pädagogin (i. A.). Sie war Mitarbeiterin im Forschungsprojekt LUGS sowie Dozentin in der Lehrerbildung an der Universität Hannover und Universität Potsdam. Heute betreibt sie die Homepage freie-bewegungsentwicklung, in der es um die Begleitung der natürlichen, freudvollen und selbständigen Bewegungsentwicklung geht.
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